Liebe prostep ivip Mitglieder,
die europäische Automobilindustrie steht vor enormen Herausforderungen, deren Bewältigung durch die geopolitischen Krisen nicht gerade einfacher wird. Als Weltkonzern sind wir bei Volkswagen davon in besonderem Maße betroffen. Wenn wir die Zukunft der Mobilität so mitgestalten wollen, wie wir ihre Vergangenheit geprägt haben, müssen wir unsere Vision ändern und in die Offensive gehen. Dafür haben wir in den letzten Jahren die nötigen Vorbereitungen getroffen.
Die neue Normalität der Mobilität ist dadurch gekennzeichnet, dass die Software alle relevanten Funktionen steuert. Wir betrachten das Fahrzeug heute schon als Teil des Benutzer-Ökosystems. Die Benutzer*innen interagieren mit dem Produkt, und sie haben von Region zu Region unterschiedliche Anforderungen. Deshalb sprechen wir bei Volkswagen nicht mehr nur von einem Software Defined, sondern von einem Customer Defined Vehicle. Wir haben verschiedene User Journeys definiert, um die Erwartungen unterschiedlicher Zielgruppen zu erfüllen. Dadurch erhalten wir gleichzeitig eine klarere Vorstellung davon, wie die Kundenanforderungen durch die Software-, Backend- und Fahrzeugsystem-Architektur realisiert werden.
Eine wichtige Konsequenz dieser neuen Normalität ist, dass wir uns vom Konzept des „Weltautos“ verabschieden, weil es nicht mehr die Anforderungen aller lokalen Märkte erfüllt. Stattdessen werden wir die Kompetenzen unseres globales R&D-Netzwerks ausbauen, um unsere Produkte stärker zu lokalisieren bzw. Produkte für die regionalen Märkte zu entwickeln.
Wolfsburg bleibt nach wie vor der Innovationsmotor für die Kernmarken der Brand Group Core, aber wir wollen die Schlagzahl durch eine stärkere Dezentralisierung der Entwicklung erhöhen. Unser Ziel ist es, den PEP spürbar zu verkürzen (>6 Monate) und den Entwicklungsaufwand signifikant zu reduzieren.
Wir brauchen mehr Speed in der Entwicklung und wir müssen kostengünstiger werden, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Die Modernisierung unserer Systemlandschaft ist ein wichtiger Schlüssel zur Reduzierung der Entwicklungszeiten und -kosten. Deshalb haben wir uns nach einer umfassenden Systemauswahl entschieden, die 3DEXPERIENCE-Plattform von Dassault Systèmes als Enterprise-PLM Plattform einzuführen.
Ein wesentliches Kriterium für die Systemauswahl war, wie zukunftsfähig die neue Technologie gerade mit Blick auf die Unterstützung durch die Künstliche Intelligenz ist.
Um den Umstieg auf die neue PLM-Plattform so agil wie möglich zu gestalten, schlagen wir einen neuen Weg ein, der sich an den Phasen des Entwicklungsprozesses orientiert. Wir haben so genannte Plateaus definiert, d.h. zusammenhängende Cluster von bestimmten Fähigkeiten, die wir für die jeweilige Phase benötigen. Ende des Jahres soll das erste Plateau mit dem Funktionsumfang direkt im Fahrzeugprojekt ID.1 ausgerollt werden.
Der ID.1, unser kompaktes, preisgünstiges Elektroauto, soll 2027 auf den Markt kommen.
Neben der KI haben alle Themen der virtuellen Entwicklung einen hohen Stellenwert für die Beschleunigung der Entwicklung. Wir sind bei Volkswagen immer noch sehr stark Hardware-orientiert und testen alles unter Extrembedingungen in sehr heißen und kalten Gegenden. Das hat uns stark gemacht, aber es macht uns natürlich auch langsamer.
Wir wollen diese Hardware-Tests nicht komplett aufgeben, aber um 50 Prozent reduzieren, indem wir sie durch virtuelle und hybride Tests ersetzen. Das spart nicht nur Zeit, sondern hat außerdem den positiven Nebeneffekt, dass wir unsere Fahrzeuge besser verstehen, wenn wir es richtig machen. Es ist nämlich einfacher, ein Auto zusammenzubauen und zu testen als eine Simulationsumgebung oder einen Prüfstand so zu konfigurieren, dass sie wie das Fahrzeug
funktionieren.
Volkswagen ist dabei, seine R&D neu zu erfinden, und der ID.1 ist das erste Projekt, in dem wir die neuen Prozesse und Methoden für das „Customer Defined Vehicle“ zur Anwendung bringen. Wir sind zuversichtlich, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind.
Ihr Thomas Kamla
CTO ID.1, MQB Classic, Kooperationsprojekte, Methoden &Tools
Volkswagen AG