
Mai 2006 - Wenn Zahlen etwas beweisen, dann die über Teilnehmer und Aussteller einer jährlichen Veranstaltung im neunten Jahr. Mit über 370 Teilnehmern von 120 Unternehmen aus 17 Nationen, nochmals ein gutes Dutzend mehr als 2005, konnte das von den Mitgliedern Delphi und UGS gesponserte Symposium den Rekord des letzten Jahres sogar noch ein wenig ausbauen. Auch der Kreis der Aussteller wuchs erneut von 21 auf 27. Das Motto: Enabling Innovation – Integrating Processes.
Der ProSTEP iViP Verein ist – so Vorstandsmitglied André Radon von Delphi bei der Eröffnung – heute nicht mehr in erster Linie an Datenmodellen tätig, sondern immer mehr in der Prozessgestaltung firmenübergreifender Zusammenarbeit. Die Standardisierung freilich ist das zentrale Thema geblieben: Nur auf Basis nachhaltiger Harmonisierung der industriellen Prozesse können moderne Netzwerke effizienter arbeiten als traditionelle Organisationsstrukturen.
Bette Walker, Vice President und Chief Information Officer von Delphi, sprach dem Verein in ihrer Keynote über die erfolgreiche Neustrukturierung ihres Unternehmens ein großes Lob aus. „Die Handlungssäulen des ProSTEP iViP Vereins bieten exakt die richtigen Antworten auf die heutigen Herausforderungen. Prozessmanagement, Systemintegration, Produktdaten-Standardisierung, Zusammenarbeit der Ingenieurbereiche und Know-how Transfer – das beschreibt sehr gut unseren eigenen Weg zu mehreren Qualitätsauszeichnungen, die wir in jüngster Zeit erringen konnten. Trotz des immensen Drucks hohe Qualität liefern – das wird in den kommenden Jahren die Marktführer vom Rest der Industrie unterscheiden.“
Mechatronische Produkte stehen fast in allen Branchen im Zentrum des Interesses, wenn Innovation vorangetrieben werden soll. Eine Reihe von Vorträgen beleuchtete Fragen des Managements der in den einzelnen Fachbereichen entstehenden Daten, die Zusammenarbeit der Ingenieure, die verschiedene Sprachen sprechen, und die Sicherung der Qualität des Gesamtproduktes, die am Ende der Prozesse stehen muss.
Dr. Trac Tang, bei Volkswagen für die konzernweite Prozessintegration Produktion verantwortlich, stellte den Status der Integration in seinem Hause dar. Bevor die Verlängerung der Kette Produktentstehungsprozess hin zu einem Produktprozess realisiert werden kann, steht die Angleichung der bislang noch heterogenen Prozesse verschiedener Produktlinien auf der Tagesordnung. Mit zentralem Fokus auf einem einheitlichen, digitalen Änderungsdienst, der auch über VW-Grenzen hinweg funktionieren soll.
Mentor Graphics hat im Verein seit dem letzten Jahr eine führende Rolle in der ECAD-MCAD Integration übernommen. Hans-Ulrich Heidbrink, Director Collaboration Projects bei Mentor, berichtete von den bisherigen Ergebnissen zahlreicher Workshops, an denen sich über 60 Firmen beteiligten. Das Ziel des Projektes ist die Definition eines STEP-konformen Modells der Zusammenarbeit und die Definition eines auf XML basierenden Datentransfers. Mentor hat dafür einen Prototypen erstellt. Heidbrink forderte alle Mitglieder des Vereins auf, „mitzumachen, um früh dabei zu sein.“
Fortschritte in der praktischen Umsetzung der im ProSTEP iViP Projekt Engineering Change Management erarbeiteten VDA-Empfehlung 4965-1 und der ersten Version der OMG PLM Services beschäftigten auch das neunte Symposium in mehreren Sessions. Jürgen Scharpf schilderte den Stand der Entwicklung bei DaimlerChrysler, wo in der Car Group seit Ende 2004 auf Basis der genannten Empfehlung konzernweit das New Product Change Management (NCM) gilt. Nutzeffekte: Es gibt keine Änderung ohne offizielle Änderungsanforderung – früher waren dies rund 80 Prozent. Ein einziges Vorgehen hat drei ersetzt. Statt des Änderungsleitstandes kann eine einzige Person sämtliche Änderungen treiben. Die Durchlaufzeiten wurden deutlich gesenkt. Jetzt geht es darum, diese Vorteile auch in der verteilten Entwicklung mit externen Partnern und Zulieferern zu realisieren. ECM Clients und Serverlösungen sind am Markt bereits verfügbar.
Ein Novum besonderer Art brachte Michael Morel, Director Manufacturing Industry bei Adobe Systems. Er präsentierte die neue 3D-Fähigkeit von PDF, welche die Darstellung, Kommentierung und interaktive Nutzung von 3D-Modellen beliebiger Herkunft unter Verwendung des kostenlosen und beinahe überall installierten Adobe Reader erlaubt. Neu ist auch, dass der Verfasser PDF-Dokumente mit Zugriffsrechten und jederzeit veränderbaren Nutzungsrechten versehen kann. Durch 3D PDF gelangen die Produktinformationen zu allen Partnern, unternehmensintern und darüber hinaus. So werden alle Beteiligten mit den für sie entscheidenden Informationen versorgt.
Professor Hartmut Esslinger, Co-CEO der weltberühmten Firma frog design, legte in seiner Keynote den Finger gleich in mehrere Wunden, die heute (nicht nur) am Standort Deutschland Innovation behindern: „Innovation heißt etwas entwickeln, das niemand sonst entwickeln wird. Dieses Vorausdenken fehlt heute in vielen Vorstandsetagen. Deshalb ist der Bereich Forschung und Entwicklung oft zu einem Hort der Verweigerung und Budgetvernichtung geworden, statt Neues zu treiben.“ Auf großen Zuspruch des Publikums stießen seine Aussagen: „Innovation ist kein Allheilmittel“ und „Outsourcing ist eine Strategie gegen Innovation“.
Auf die Frage, was frog design ins Silicon Valley gezogen habe, meinte Professor Esslinger: „Anziehend ist sicher auch die dort typische Immigrantenhaltung, dass man zusammenarbeiten muss, dass man sich gegenseitig braucht, um etwas zu erreichen.“ Darin fand der Vorsitzende des Vereinsvorstands Alfred Katzenbach eine schöne Analogie zum ProSTEP iViP Verein: „Miteinander diskutieren, gemeinsam etwas vorantreiben, zusammen etwas gestalten, statt zu schauen, wie man sich abgrenzt – das zeichnet auch unseren Verein aus. Das ist die Grundlage, auf der wir so erfolgreich offene Standards entwickeln und nutzen. Und diese Arbeitsweise wird den Verein und seine Mitglieder weiter voranbringen auf dem Weg zur Prozessharmonisierung, firmenintern wie unternehmensübergreifend.“